Die eigenen 4 Wände

20 Jahre lang hat Hartwig Braun im Haus am Werdersee gewohnt. Nun ist er in seine erste eigene Wohnung gezogen.

Sachen packen, Kisten schleppen, Wände streichen und Möbel aufbauen. Ein Umzug macht viel Arbeit – und ist ein großes Ereignis. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Auf Hartwig Braun trifft dies ganz besonders zu. Denn er wechselt nicht nur den Wohnort. Mit 52 Jahren hat er einen Neustart gewagt. Er ist in eine eigene Wohnung gezogen. Zum ersten Mal in seinem Leben.

Ab in die eigenen 4 Wände
Vor über 20 Jahren kam Hartwig Braun ins Haus am Werdersee. In dieser besonderen Wohnform in Huckelriede leben 19 Menschen mit Beeinträchtigung. Im täglichen Leben bekam er viel Unterstützung. Hier hat er eine Menge erlebt. „Das war wirklich eine lange und schöne Zeit. Ich habe viele Freunde gefunden und sehr gerne hier gewohnt. Aber jetzt brauchte ich eine Veränderung. Für mich ist das ein sehr großer, bedeutender Schritt“, erklärt Braun stolz. In der 2er-Wohngemeinschaft erwartet ihn nun ein völlig neues Leben. Diese Wohnsituation kannte er bislang nicht. Im Alltag dürfte sich einiges ändern.

Freiheit und Verantwortung
Bislang war Braun stets von vielen Menschen umgeben. Er hatte immer Gesellschaft, war praktisch nie allein. Aber er war auch an feste Strukturen gebunden. Braun musste sich daher an Abläufe halten. In seinem neuen Zuhause hat er deutlich mehr Freiheiten. Nun kann er sich besser zurückziehen, um seine Ruhe zu haben. „Wir waren 19 Leute, jetzt nur noch 2. Das ist ein großer Unterschied, ein ganz anderes Lebensumfeld. Den Trubel werde ich bestimmt auch mal vermissen. Aber ich freue mich, jetzt mein eigener Herr zu sein. Ich muss weniger Rücksicht nehmen. Es gibt weniger Regeln, keine festen Zeiten. Essen kann ich, wenn es mir passt. Ich gehe ins Bett wann ich will. Und es gibt keinen Streit mehr ums Fernsehprogramm. All das ist mir überlassen“, berichtet er. Das bringt aber auch Verantwortung mit sich. Künftig ist er selbst dafür zuständig, einzukaufen und den Kühlschrank zu füllen. Pflege und Betreuung bekommt er zwar weiterhin. Der Ablauf wird aber anders sein.

Neue Wohnformen im Martinsclub
Dahinter steckt ein bestimmtes Konzept, das Martinsclub Quartier|Wohnen. Jared Bendig, Hausleiter im Haus am Werdersee, klärt auf. „Der Martinsclub wird die stationären Wohnangebote nach und nach auflösen. Die Menschen sollen künftig ambulant wohnen. Also in ihrer eigenen Wohnung. Das ermöglicht ein selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Leben. Dabei unterstützen wir sie natürlich in allen Belangen. Pflege und Hilfe im Alltag sind sichergestellt. Zudem werden sie ins soziale Umfeld und in die Nachbarschaft eingebunden. So setzen wir Inklusion im Wohnen um.“
Hartwig Braun muss sich nun also mehr um sich selbst kümmern. „Er wird sich umgewöhnen müssen. Das ist eine große Veränderung. Er ist im Alltag mehr auf sich gestellt. Aber er wird das packen. Wir schauen zusammen, wie viel Hilfe er möchte und braucht. Das muss sich entwickeln“, erklärt sein Betreuer Simon Blohm.
Zum Glück ist Hartwig Braun in seiner neuen Bleibe nicht alleine. Mit Willy, seinem neuen Mitbewohner, hat er sich schon angefreundet. Und auch sonst mag er sein neues Zuhause. „Alles ist schön groß und geräumig. Vor allem der Balkon ist klasse. Da freue ich mich doch auf den Sommer.“

Es gab viel zu tun
Doch vor dem Umzug gab es allerhand zu erledigen. Ein neues Bett, ein neuer Schrank und weitere Möbel mussten her. Und damit alles schön aussieht, wurde das Zimmer frisch gestrichen. Doch allein mit Möbeln und Farbe ist es nicht getan. Hinter dem Umzug steckt nämlich viel organisatorischer Aufwand. „Es gab einige rechtliche Dinge zu klären. Das war nicht einfach, aber es hat alles geklappt“, freut sich Jared Bendig. Daran war auch Vanessa Lütjen, Leiterin vom Quartier|Wohnen in Huckelriede, beteiligt. Mit ihrem Fachwissen hat sie den Umzug ebenfalls eng begleitet.

Unterwegs im Stadtteil
Für Hartwig Braun war es wichtig, in der Nähe zu bleiben. Die neue Wohnung ist nur 5 Minuten entfernt. Seine alten Freunde möchte er weiterhin treffen. „Einige habe ich schon auf einen Fernsehabend eingeladen“, berichtet er.
Doch auch ihm macht Corona zu schaffen. Er kennt die Gesundheitsgefahr. Außerdem kann er seine Hobbys nicht ausüben. Schwimmen, tanzen, Schlagzeug spielen – all dies findet nicht statt. Auch seine Stammkneipe Connection hat er länger nicht besucht. „Der Wirt ist ein Freund von mir. Wegen Corona habe ich ihn ewig nicht mehr gesehen. All das fehlt mir“, so Braun.
In Corona-Zeiten spielt sich das Leben größtenteils zu Hause ab. Die neue Wohnung ist für Braun also ein echter Glücksfall. Die Infektionsgefahr ist deutlich geringer. Auch die behördlichen Auflagen betreffen ihn hier nicht so wie im Wohnheim. Für die Zukunft ist er optimistisch. „Erst mal muss ich mich einleben. Ich freue mich auf diese neue Erfahrung. Und wenn Corona vorbei ist, mache ich eine große Einweihungsfeier.“

 

Fotos: Frank Scheffka

Dieser Beitrag erschien zuerst in unserem Magazin “m”, Ausgabe 1-2021.

Lagershausen, Ludwig
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